
Rossini lenkt das Leid in freudvoll-opernhafte Bahnen
Beschwingte Aufführung des „Stabat mater“ unter Leitung von Jan Hoffmann - Solisten mit prachtvollen Stimmen - Selten zu hörende Bach-Messe
Nachdem Heinrich Heine das „Stabat mater“ von Giacchino Rossini bei seiner Uraufführung im Januar 1842 in Paris gehört hatte, meinte er, mitten in allen Schrecken in der Musik noch Anmut gespürt zu haben. Voll Anmut und tiefer Empfindung war auch die Aufführung des Werks unter Leitung von Chordirektor Jan Hoffmann am Mittwochabend im gut besuchten Gießener Stadttheater. Und sie kam in einer sehr dynamischen Interpretation mit gehörigem opernhaftem Schwung daher, was die Zuhörer am Ende mit überaus herzlichem Applaus quittierten.
Große Schar
Der Beifall galt der großen Schar der Beteiligten, die an diesem Abend Vorzügliches geleistet hatten. Unter dem federnd-inspirierenden Dirigat Hoffmanns stellte der etwa 100-köpfige Chor, bestehend aus den Chören des Stadttheaters, des Gießener Konzertvereins und der Wetzlarer Singakademie, erneut seine außerordentlichen Qualitäten unter Beweis. Hinzu kamen die vier prachtvollen Stimmen der Gesangssolisten Maria Chulkova (Sopran), Giuseppina Piunti, Adrian Xehma (Tenor) und Adrian Gans (Bass). Und nicht zu vergessen das auf romantische Größe angewachsene Philharmonische Orchester Gießen, das - bei allem gebotenen Ernst - locker und beschwingt auf den Pfaden der terzengeschwängerten Italianità wandelte.
Effektreiche Klänge
Rossinis „Stabat mater“ ist so etwas wie eine Oper auf den Stufen des Altars, denn die eingängigen, anrührenden Arien könnten auch in den Bühnenwerken des Meisters stehen. Der Komponist lenkt das dargestellte Leid in freudvoll-opernhafte Bahnen. Die Melodien sind von südländischer Sinnlichkeit, klar und schön, und die Partitur weist eine Fülle instrumentaler Details auf. Das Orchester arbeitete die effektreichen Klänge aus der Welt des emotionalen Klangspiels sehr plastisch heraus, und der Chor schaltete sich mit großer klanglicher Intensität in das Geschehen ein. Wie umsichtig und präzise Hoffmann den Chor führte, wie er ihn zu Höchstleistungen antrieb, wie er feinste Nuancen des Ausdrucks herausholte - all dies zeigte, dass bei den Proben sehr gründlich an den einzelnen Stellen gefeilt worden ist.
Eindringlicher Höhepunkt der Aufführung war der vortrefflich gelungene A-cappella-Chor „Eja Mater“ in Zwiesprache mit dem Bassisten. Immer dann, wenn Adrian Gans auf der Stadttheaterbühne singt, fegt der Sturm seiner Riesenstimme durchs Haus. Auch diesmal brachte er seinen tiefschwarzen Bass mit expressiver Stärke zur Geltung, besonders in der Arie „Pro peccatis“. Adrian Xehma kam die Rolle des „geistlichen Heldentenors“ zu, der die Bravourarie „Cujus animan“ mit seiner strahlenden Stimme voller Inbrunst gestaltete. Dieses Gebet, so merkte einmal ein Kritiker an, verführt zu dem Gedanken, dass Gott weiblich sein könnte. Innig und klar trug Maria Chulkova das effektvolle „Inflammatus“ im Dialog mit dem Chor vor und stieg dabei scheinbar mühelos zweimal zum hohen C auf. Innere Glut loderte im Gesang Giuseppina Piuntis, die ihre Beiträge zudem mit Theatralik zu würzen verstand.
Barocker Glanz
Der Sinfoniekonzertabend hatte mit der Reihe „Auftakt“ begonnen, in der jeweils junge, vielversprechende Musiker die Chance zu einem öffentlichen Auftritt auf einer Konzertbühne erhalten. Diesmal präsentierten sich Susanne Lorenz, Silke Kejer und Jan Brau (alle Horn) und Lisa Bergmann (Oboe), allesamt Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik, als Solisten im „Concerto in Re per 3 corni da caccia e archi“ von Georg Philipp Telemann. Die Rolle der Solovioline wurde dabei von der Oboe übernommen. In dem überwiegend verspielt-heiteren Werk verbreiteten die vier jungen Interpreten im Zusammenwirken mit dem Streichorchester festlichen, barocken Bläserglanz.
Es folgte Johann Sebastian Bachs selten zu hörende Missa in A-Dur BWV 234, die auch gelegentlich als Kyrie-Gloria-Messe bezeichnet wird, weil sie nur aus diesem beiden Teilen besteht. Er schuf das Werk im so genannten Parodieverfahren, indem er auf Musiken früherer Kantaten durch die Unterlegung eines neuen Textes zurückgriff - eine in der Barockzeit durchaus übliche Methode. Einfühlsam von Hoffmann geleitet, sang der aus Neivi Martinez, Eun Mi Suk (Sopran), Heike Heber, Sora Korkmaz (Alt), Sang-Kiu Han, Catalin Mustata (Tenor) sowie Chi Kyung Kim und Vito Tamburro (Bass) gebildete Kammerchor sehr klar und transparent. Den hohen Ansprüchen des Komponisten, der die menschliche Stimme im Grunde wie ein Instrument behandelt, wurde dieser exzellente Kammerchor in jedem Augenblick gerecht. Mit einigen Krächzern seiner leicht angegriffenen Stimme dürfte Stephan Bootz (Bass) mit sich selbst nicht zufrieden sein; klar und rein dagegen Odilia Vandercruysse (Sopran) in ihrer kunstvoll-vertrackten Partie und Anne Catherine Wagner (Alt), die mit schönem, rundem Gesang bestach. Thomas Schmitz-Albohn, 23.04.2011, Gießener Anzeiger